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[ Grumpelview ] Schon ein Loch im Bauch, Susanne Seider?

 Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte ihr die Rezension zu Susanne Seiders Buch "Morgen bin ich tot" auf meinem Blog lesen.
Heimlich hat sich kurz danach das Grumpelchen wieder auf den Weg gemacht, um auch Susanne ein paar Fragen und Geheimnisse zu entlocken.
Bei Kaffee und Keksen haben es sich die beiden gemütlich gemacht und ein wenig geplaudert.



  1. Warum hast du dich ausgerechnet dafür entschieden, in deinem aktuellen Genre zu schreiben und in welchem würdest du gerne mal etwas veröffentlichen?

Da ich schon immer am liebsten Krimis geschrieben habe, war von Anfang an klar, dass ich auch in dem Genre schreiben werde. Allerdings habe ich nach „Morgen bin ich tot“ zwei lustige Frauenromane geschrieben, ohne zuvor dieses Genre gelesen zu haben. Es hat mir so viel Spaß gemacht und ich dachte schon, nie wieder etwas anderes schreiben zu wollen, da kam ein Vertragsangebot für eine Krimireihe. Der erste Band der Reihe ist schon im Kasten und wird am 01. September erscheinen. Somit bin ich also wieder in meinem Lieblingsgenre gelandet

  1. Wie läuft so ein Schreibnachmittag bei dir ab? Brauchst du dafür völlige Ruhe oder hast du Musik im Hintergrund laufen? Machst du dir vorher Notizen zu den jeweiligen Kapiteln? Hast du ein bestimmtes Ritual, was das Schreiben an sich angeht? Grummelst du dabei auch ab und an vor dich hin, wie so ein Grumpeltier das tut?


Grummeln tue ich sowieso immer. Mein Mann sagt, ich kann super klagen, ohne zu leiden. Und da hat er recht! Ich finde meine aktuelle Situation nie passend, um zu schreiben. Früher, als unsere Kinder klein waren, habe ich gejammert, weil ich zu wenig Ruhe hatte, heute jammere ich, weil ich zu viel Ruhe habe und meine Muse Routine hasst. Ich bin nämlich seit zwei Jahren in Kurzarbeit und habe seither nicht mehr in meinem Brotjob gearbeitet. Daher sieht meine Schreibroutine so aus, dass ich mich morgens an den PC setze, stundenlang auf das Dokument starre und mich bedaure, weil mein Alltag so langweilig ist. Irgendwann zwinge ich mich dann, loszuschreiben. Und meist komme ich dann derartig in Fahrt, dass ich ein paar Stunden später wütend grummle, weil ich aufhören muss. Du siehst, Grumpelchen, wir beide sind uns sehr ähnlich :-)

  1. Hast du selbst einen Lieblingsautor oder ein Lieblingsbuch?

Oh ja, ich habe viele Autoren, die mich total begeistern, aber zwei absolute Favoriten.

Erstens C.S. Lewis, ein Theologe und Philosoph. Seine bekanntesten Bücher sind die Chroniken von Narnia. Die habe ich zwar unseren Kindern vorgelesen, mir selbst haben sie nie wirklich gefallen. Aber seine anderen Bücher, teils Romane, teils Sachbücher, lese ich immer wieder. Dieser Mann hat einen unglaublich scharfen Verstand, seine Gedanken sind so tiefgreifend und umwälzend. Dazu muss er ein total fröhlicher und freundlicher Zeitgenosse gewesen sein. Ich verehre C.S. Lewis von ganzem Herzen!

Und dann bewundere ich noch den amerikanischen Thrillerautoren Harlan Coben. Seine Romane sind nicht nur mega spannend und voller überraschender Wendung, er hat auch immer Protas mit einer richtig positiven Lebenseinstellung und jeder Menge Humor. So wird die Handlung trotz Mord und Gewalt nie wirklich düster. Ich habe immer gehofft, ihn mal irgendwann im Flieger zu haben. Noch ist es nicht passiert :-)
  1. Welches ist dein größter – mit dem Schreiben verbundener - Traum?

Oh weh, das ist eine wirklich schwierige Frage. Denn das Schreiben von Romanen war tatsächlich nie mein Traum, sondern nur ein schöner Plan B, den ich ausübe, wenn der Alltag gerade nicht mehr hergibt.

Aber wenn ich einen Traum wählen darf, an den ich selbst nicht glaube, dann würde ich gerne Sachbücher über Gott und die Welt schreiben, über das Leben und den Menschen. Gerade las ich einige Werke von Erich Fromm und dachte nur: Was würde ich dafür geben, so klug zu sein. Tja, aber leider bin ich das nicht. Also überlass ich den anderen die revolutionären Sachbücher und bleibe selbst bei den Romanen :-)

Aber ein kleiner Traum fällt mir da doch noch ein: Da ich vertraglich verpflichtet bin, ab September Lesungen zu geben und ich selbst noch nie auf einer Lesung war, weil ich mir das schrecklich langweilig vorstelle, wünsche ich mir, dass ich es irgendwie schaffe, Lesungen zu halten, bei denen sowohl die Gäste als auch ich richtig viel Spaß haben. Wie ich das anstellen soll, weiß ich allerdings noch nicht. Falls jemand Tipps hat, immer her damit :-)

  1. Hast du das Cover selbst entworfen oder hast du dir dabei Hilfe geholt? Von deinem Verlag oder von Freunden und Familie Ideen gesammelt?


Ich bin leider grafisch völlig unbegabt und habe eine tolle Designerin engagiert, Florin Gabor. Die Ideen, die ich eingebracht hatte, waren nichts wert. Umso dankbarer bin ich für mein aktuelles Cover, das mir total gefällt! Ich habe sogar den Text umgeschrieben, damit das Motiv passt.

  1. Wie lange schreibst du grundsätzlich an einem Buch?

Mittlerweile sind es so 2-3 Monate an der Rohfassung. Dann nochmal 2-3 Wochen für die erste Überarbeitung. Und dann dauert es nochmal eine Weile, in der ich immer wieder Kleinigkeiten ändere, den Text ruhen lasse, Testleser einbeziehe, wieder Dinge ändere. Ich würde sagen, dass ich 6 Monate für einen Roman brauche, aber da ist natürlich sehr viel Leerlauf drin. Ich denke öft, ich könnte wesentlich produktiver sein, wenn … ich nicht so schrecklich unproduktiv wäre.

  1. Wenn du keine Autorin geworden wärst, womit würdest du dann jetzt dein Geld verdienen bzw. reicht dir das Veröffentlichen , um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Oh nein, leben könnte ich vom Schreiben nicht! Aber da ich sowohl einen guten Brotjob als auch einen hart arbeitenden Ehemann habe, muss ich das auch gar nicht :-) Tatsächlich ist der Beruf der Flugbegleiterin mein absoluter Traumjob. Von meinem ersten Tag vor 24 Jahren an konnte ich mir nicht mehr vorstellen, jemals etwas anderes zu machen.

Was ich dennoch gerne zusätzlich wäre, ist Journalistin. Ich liebe es, Menschen auszufragen, Motiven auf den Grund zu gehen. Diese Art von Schreiben wäre tatsächlich ein Traum. 

  1. Nehmen wir einfach mal an, dein Buch würde irgendwann verfilmt werden .. wen würdest du in den Hauptrollen sehen wollen?

Haha, das ist eine Frage, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe und auf die ich auch nach längerem Nahdenken keine Antwort finde. Merken: Ich sollte mir wohl mal ein paar Erfolgsvisionen zulegen :-)

  1. Wenn du nicht gerade schreibst, womit verbringst du deine Nachmittage? Hast du ein Hobby, welches dir neben dem Schreiben sehr am Herzen liegt?

In den letzten zwei Jahren während der Kurzarbeit habe ich gemerkt, dass mir das Fliegen so viel Freude und Abenteuer geschenkt hat, dass ich dadurch keine echten Hobbys brauchte. Mein Alltag ist mittlerweile recht unspektakulär. Ich gehe viel mit unserem Hund laufen oder joggen, verbringe Zeit mit meiner Familie, arbeite ehrenamtlich in einer modernen Kirchengemeinde mit, treffe Freunde … Oh Mann, ist das spießig.

Okay, Merken Nummer 2: Ich brauche dringend ein spannendes Hobby.

  1. Kann deiner Meinung nach jeder ein Buch schreiben oder braucht es dafür bestimmte Vorraussetzungen?

Wie heißt es so schön? 1% Inspiration, 99% Transpiration :-) Ich denke, das eine Prozent ist wohl Talent, jeder hat es auf seine Weise. Der eine kann toll Gefühle transportieren, der andere kann Welten bauen oder Figuren erschaffen, wieder andere haben ein tolles Sprachgefühl. Aber der große Teil besteht in strenger Disziplin, der Bereitschaft, zu lernen und an sich zu arbeiten, sowie darin, Kritik anzunehmen. Auch nicht unwichtig ist eine gesunde Demut, damit man nicht verzweifelt, wenn man nicht so gut ist, wie man gerne wäre. Aber ich denke, all diese Dinge muss man nicht unbedingt mitbringen. Man kann sie super durch das Schreiben lernen.

  1. Wann hast du mit dem Schreiben angefangen und wer oder was hat dich dazu animiert?

Meinen ersten Roman begann ich an dem Tag, als ich mit Kind Nummer 3 aus dem Krankenhaus kam. Da war er 5 Tage alt, Nummer 2 war zwei Jahre alt, Nummer 1 war sieben. Bei aller Liebe zu meinen Kindern hatte ich das Gefühl, wahnsinnig zu werden, wenn ich nicht irgendetwas mit dem Kopf machen kann.

  1. Hast du schon mal etwas geträumt, was hinterher auch wirklich wahr geworden ist?

Oh ja, tatsächlich :-) Alle unsere drei Kinder haben sich in Träumen angekündigt. Allerdings hatte ich seit Nummer 3 noch viele Träume von weiteren Kindern und hatte danach jedes Mal Angst, denn drei sind genug. Nummer vier ist aber nie gekommen und langsam bin ich zu alt für den Mist. Vielleicht träume ich also einfach allgemein viel von Schwangerschaften :-)

Aber doch, einmal war es echt schräg. Es ist 16 Jahre her, da träumte ich von einer Kirche mit lauter Musik. Ich mochte keine Kirchen und wollte gerade gehen, da sah ich, dass ein Musiker eine Schachtel Zigaretten im Hemd stecken hatte. Und ich fand es toll, dass man in dieser Kirche rauchen darf. (Ich habe damals nämlich leidenschaftlich geraucht). Kurze Zeit später schleppte mich eine Bekannte tatsächlich in eine Kirche mit lauter Musik. Ich bin nur aus Höflichkeit mitgekommen. Und dort kam ich mit einer netten Frau ins Gespräch. Als diese Frau plötzlich eine Zigarette aus ihrer Tasche kramte und anfing, vor der Kirche zu rauchen, war ich wie erstarrt. Nun, ich gehe bis heute in die Kirche und diese Frau ist zu einer Freundin geworden. Sie raucht immer noch, ich selbst allerdings seit sieben Jahren nicht mehr. :-)

  1. Wie würdest du reagieren, wenn plötzlich eine deiner Buchfiguren an deiner Haustür klingeln würde?

Das passiert ständig! Denn in jedem meiner Bücher kommt mindestens eine Person vor, die ich aus dem echten Leben hole. (Jaja, das soll man nicht. Ich tue es trotzdem) In „Morgen bin ich tot“ sind die Nachbarn meiner Prota, Roland und Corinne, meinen eigenen Nachbarn nachgestellt. Natürlich heißen die beiden anders anders. Ich fühle ich mich etwas schäbig dabei, dass ich meinen supertollen Nachbarn umbringen musste. Aber es ging leider nicht anders. Wirklich nicht.

  1.  Was war das spanneste und das witzigste, was du in deiner Laufbahn als Flugbegleiterin erlebt hast? Und welches Land hat dich neben Thailand am meisten beeindruckt?


Beim Nachdenken über die richtig witzigen Geschichten fiel mir gerade auf, dass sie alle mit groben Regelverstößen durch irgendeine Person der Besatzung zu tun hatten, daher kann ich leider nichts davon erzählen :-) Nur soviel: Nach müde kommt blöd und es ist erstaunlich, über welche Albernheiten man mitten in der Nacht plötzlich hysterisch lachen kann! Ein Grund, warum ich die Fliegerei so sehr liebe. Himmel, wann hatte ich meinen letzten Lachanfall?

Aber dafür berichte ich etwas Schreckliches. Es war sogar in Thailand. Am 25.12.2004 flog ich beruflich nach Bangkok, es war kurz nach dem Tsunami, der unzählige Menschen getötet hatte. Der Aufenthalt in Bangkok war bizarr, überall waren Touristen, die man von den Inseln evakuiert hatte. Die meisten haben gefeiert, als wäre nichts geschehen. Das echte Leid ist uns auf dem Rückflug begegnet. Zwei Kinder im Alter von 6 und 8 flogen zurück, sie hatten ihre Eltern verloren. Ich glaube, sie standen unter Schock, gewirkt haben sie völlig gelassen. Ich habe die beiden nie vergessen.

Doch noch schlimmer war der Anblick einer Kollegin. Die war beim Tsunami privat auf einer


Insel. Als die Welle kam, war sie gerade im Ort einkaufen, ihr 5-jähriger Sohn war mit Freunden der Mutter am Strand. Sowohl der Sohn als auch die Freunde waren danach weg. Meine Kollegin hat ihr Kind tagelang gesucht, ihr Ex-Mann und Vater des Kindes kam nach Thailand geflogen, um bei der Suche zu helfen. Aber dann gaben sie auf. Und saßen bei uns im Flieger. Vor dem Tisch der Kollegin lagen mehrere Tabletten, Beruhigungspillen, die sie wie Bonbons gegessen hat. Ihr Gesicht war erstarrt, leer, tot. Immer, wenn ich an den Tsunami denke, erinnere ich mich an den Anblick meiner Kollegin. Mir läuft noch heute ein Schauer über den Rücken.

Und Thailand gehört tatsächlich gar nicht zu meinen Lieblingsländern. Dafür bin ich völlig verrückt nach Los Angeles und Tel Aviv. Und Indien finde ich zwar sachlich gesehen viel zu laut und dreckig, aber komischerweise bin ich dort so entspannt wie niemals sonst, daher bezeichne ich mich auch als großer Indien-Fan.

  1. Wie holst du dich am besten wieder aus einem Kreatief und was rätst du anderen, die sich manchmal darin befinden? ( wie meiner Besitzerin z.B.)

Ich bin der Überzeugung, dass das Gefühl der Kreativität unglaublich überschätzt wird. Momente der Inspiration sind selten, aber das ist okay, denn man braucht sie nicht zwingenderweise. Wer immer nur auf die Muse wartet, wird niemals einen Roman zu Ende bekommen. Komischerweise haben mir drei Frauen gesagt, die mehrere Bücher von mir gelesen haben, dass ihnen der Pfalzkrimi am besten gefallen hat. Ich habe dieses Buch mit Zeitdruck und ohne einen einzigen Moment der gefühlten Kreativität geschrieben. Ob er deshalb besser ist oder trotzdem, weiß ich nicht. Aber mein Rat ist klar: Gib dir selbst einen Tritt in den Hintern und schreibe. Egal, ob es Mist ist, egal ob du dabei weinst oder der Meinung bist, alles sei Müll. All diese Dinge sind normal :-) Schreib einfach weiter und pfeif auf die Inspiration!

  1. Als evtl. Selbstleser, hast du schon mal ein Buch abgebrochen oder gibst du jedem Buch eine Chance?

Oh weh, ich bin eine böse Leserin. 80% meiner Bücher breche ich ab. Was aber nichts mit der objektiven Qualität des Buches zu tun hat. Es ist eher so, dass ich, je nach Stimmung, genau das suche, wonach mir gerade ist.

  1. Und zu guter Letzt.. Weil wir oben schon die Frage nach dem mit dem Schreiben verbundenen großen Traum hatten, welches ist dein größter – nicht mit dem Schreiben verbundener - Traum?

Aktuell wünsche ich mir einfach nur Frieden und Freiheit. Bei all dem, was gerade in Europa geschieht, werden meine eitlen Wünsche total bedeutungslos. Aber gerade in dieser Situation kommt auch wieder mein alter Traum vom Journalismus hoch. Da geht es weniger um das Schreiben, sondern mehr darum, die Welt zu verstehen. Der mutige Teil in mir (der übrigens deutlich schwächer ist als der ängstliche Part) würde am liebsten in die Krisengebiete reisen, mit den Menschen reden, unendlich viele Fragen stellen, um zu verstehen, was da wirklich geschieht. Und wenn ich manchmal ganz kühn träume, dann sehe ich mich wirklich als investigative Journalistin. Aber aktuell gehe ich noch nicht davon aus, diesen Traum jemals zu verwirklichen. Umso mehr freue ich mich, wenn ich dann unter dem Vorwand der Buchrecherche ein paar schwierige Fragen stellen darf. Im Mai darf ich zum Beispiel eine Jugendpsychiatrie besuchen, und die ganzen Fragen, die ich bereits notiert habe, sind für meinen Plot völlig belanglos. Aber das verrate ich niemandem :-)

Ich hoffe, ich war nicht zu aufdringlich und freue mich auf deine Antworten.

Ach wo, das war gar nicht aufdringlich. Hat Spaß gemacht, über ein paar Dinge nachzudenken :-)



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