Heute ist bereits Tag 7 des Phantastober und ich habe ein paar Kinder auf eine Wanderung geschickt, bei der sie eigentlich gar nicht dabei sein wollen.
Abseits der Wege
"Kinder! Bitte stellt euch in
Zweierreihen auf, damit wir endlich los können!" Frau Frankes
Stimme hallt durch den Gang und sie fuchtelt mit ihrem Regenschirm in
der Gegend herum.
"Kinder, bitte!", fügt sie
energisch hinzu und endlich setzen sich auch die letzten Kinder in
Bewegung.
Mein bester Freund Nils und ich stehen
nebeneinander und anhand seines Gesichtsausdrucks kann ich erahnen,
dass er genauso wenig Lust auf diese Wanderung hat wie ich.
"Was hälst du davon, wenn wir uns
unterwegs irgendwo absetzen und chillen statt zu wandern?",
flüstere ich ihm zu und sofort erhellen sich seine Gesichtszüge.
"Junge, kannst du Gedanken lesen?
Ich dachte schon, du fragst nie!", flüstert er zurück und ich
grinse.
"Auf geht's, Kinder!" Frau Frankes Stimme sorgt
dafür, dass ich kurz mit den Augen rolle. "Ob sie jemals
kapieren wird, dass wir längst keine Kinder mehr sind?",
murmele ich und setze mich langsam in Bewegung. "Niemals. Dazu
liebt sie es viel zu sehr, uns als Kinder zu betiteln.", lache
ich und laufe neben Nils her.
Keiner von uns ist jünger als 16 und
doch lässt Frau Franke es sich nicht nehmen,und immer noch als
Kinder zu bezeichnen. Wir leben alle gemeinsam in einem Internat und
da erst vor ein paar neue Schüler zu uns gestoßen sind, soll diese
Wanderung und zu mehr Zusammenhalt verhelfen.
Nils und ich sind im
letzten Jahr bereits von einer der Aktivitäten abgehauen, was uns
eine große Strafarbeit beschert hat, aber das hält uns nicht davon
ab, auch dieses Mal nicht davon ab, andere Pläne zu schmieden.
"Wie wir es besprochen haben, werden wir zur alten Burgruine
wandern. Dort habt ihr die Möglichkeit, euch die alten Gemäuer
anzusehen. Anhand des Fragebogens, den ich gestern bereits ausgeteilt
habe, erwarte ich eine Ausarbeitung zu einem Referat, dass ihr in
zwei Wochen halten werdet. Es fließt in eure Endnote mit ein, also
solltet ihr besser aufpassen als in den anderen Unterrichtsstunden."
Tadelnd sieht sie kurz zu Nils und mir, was mich jedoch nur schief
grinsen lässt.
"Meine Noten entsprechen trotzdem den
Erwartungen", antworte ich und sie schnaubt.
"Wie dem auch
sei. Aufs geht's, Kinder!" Sie klatscht in die Hände und setzt
sich in Bewegung. Der Pulk folgt ihr und somit auch Nils und ich.
Nach über der Hälfte der
Wanderung, setze ich mich mit Nils ab. In einem nahegelegenen
Waldstück biegen wir in die andere Richtung an und verstecken uns
hinter einer kleinen Baumgruppe. "Meinst du sie hat gemerkt,
dass wir uns davon geschlichen haben?", fragt Nils und ich
schüttele den Kopf.
"Hat sie das in den letzten Jahren
jemals?", grinse ich und laufe den Waldweg entlang.
"Nee,
und trotzdem waren unsere Referate die besten der Klasse.",
lacht er und ich stimme in das Lachen ein.
"Eben. Also lass uns
den Tag genießen, bevor wir wieder zu ihnen stoßen.",
schmunzele ich und hole die ersten Dosen Energydrink aus dem
Rucksack.
Der Tag wird so entspannt, wie lange nicht mehr und die
Wanderung zur Ruine rückt in den Hintergrund. Zumindest für Nils
und mich.
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